Skandal in der Sportredaktion! Star-Reporter Wilbert Knöös mußte leider seine Reportage über die Tour de France abrupt beenden als der Chefredakteur zufällig einmal einen Blick in sein dubioses Machwerk geworfen hatte und spontan in ein tiefes Koma fiel. Da nun niemand mehr die Gehaltsschecks unterschreiben kann, hat Wilbert Knöös kurzerhand den Arbeitgeber gewechselt und schreibt nun exklusiv für Yps, das seine aktuelle Ausgabe aus diesem Anlaß mit einem tollen Gimmick in Form einer Nunchacku-Fahrradkette versehen hat. Wir bedauern diese Entwicklung und bemühen uns im nächsten Jahr um einen qualifizierteren Reporter.
Die diesjährige 85. Tour startet erstmals in der Republik Irland,
einem friedlichen grünen Landstrich, den wir alle gut aus der Butterwerbung
und vom Sprühdeo "Irischer Frühling" kennen. Weltbekannte Attraktion
sind neben den 5,1 Millionen Iren die dank dem feurigen Gemüt der
Ureinwohner immer wieder ausufernden traditionellen Straßenfeiern
der beiden gut befreundeten Brüdervölker Nordirlands und der
Republik Irland. Nach drei Tagen begibt sich der Tour-Troß dann erstmals
auf französischen Boden. Wie das mit dem Fahrradfahren im Flugzeug
allerdings aussieht (genauso wie die Etappe im TGV) ist mir noch schleierhaft...
Sitzen die da auf Heimtrainern oder gibt es da einen Rundkurs? Genauso
ist mir noch nicht ganz klar, warum man bei dieser Tour erneut diesen riesigen
Umweg über Spanien und das Mittelmeer fährt, wo doch Paris so
nah am Tourstart liegt... Jedenfalls verläuft die Tour-Route nun von
Roscoff an der Atlantikküste nach Süden zu den Pyg... äh
Pyrenäen, wo es ein paar spannende Bergetappen geben dürfte.
Dann wendet sich die Route zunächst gen Mekka bis ans Mittelmeer,
um dann wild meandrierend durch die Alpen nach Paris zu schwenken. Wie
dem auch sei, es werden hoffentlich sehr interessante drei Wochen werden,
in denen wir an dieser Stelle ausführlich über die Hintergründe
und Randereignisse berichten werden, die anderswo gar keine Erwähnung
finden weil sie niemanden interessieren.
22.07.1998 Luchon - Plateau de Beille
Sonnenschein
nicht nur am Himmel, auch Jan Ullrich kann wieder strahlen, und das in
leuchtendem Gelb! Nicht nur seine Führungsposition bei der Tour ist
geblieben, auch einer der namhaften Mitkonkurrenten ist ausgeschieden.
Doch der Reihe nach. Die heutige Etappe war gekennzeichnet durch viele
Berge, die in der Hitze die Fahrer und deren Poren doch leicht forderten.
Bis zum Col du Portet d'Aspet blieb das Feld geschlossen zusammen. Dann
hielt man geschlossen am Monument des 1995 hier tödlich verunglückten
Fabio Casartelli an und jeder Fahrer berührte das Denkmal. Durch den
hierdurch übergesprungenen Geist des Verstorbenen gestärkt ging
es dann weiter. Den Sprint bei Kilometer 62,5 gewann natürlich Erik
Zabel. Es folgte ein Ausreißversuch von Lylian Lebreton, dem schnell
Roland Meier und Jose Gomez folgten. Der Ausbruch glückte. Beim Col
de la Core hängte Meier Gomez ab, Lebreton war bereits vorher wieder
zurückgefallen. Bei der Abfahrt vom Col de la Core schepperte Meier
spektakulär über die Leitplanke in die Büsche, und beinahe
wäre ein zweites Monument fällig geworden. Aber er blieb dem
Steuerzahler vom Sack und konnte mit Gomez weiterfahren, hinter ihnen Tafi
und Heulot. Dann die Meldung des Tages: Olano mußte gesundheitsbedingt
aufgeben; ein weiterer Erzfeind unseres Helden Jan Ullrich ist damit ausgeschieden.
Gomez fiel zurück und Meier stürmte alleine dem Schlußanstieg
entgegen. Dann, Schrecksekunde: als das Feld den Aufstieg begann, blieb
Jan Ullrich mit seinen Teamgefährten plötzlich zurück, offenbar
technische Probleme. Alles rätselte, was nun geschehen würde,
und meine Fingernägel ließen deutlich Federn. Ullrich aber begann
eine furiose Aufholjagd den Berg hinauf, die kaum eine Minute dauerte.
Sein Team konnte ihm nicht folgen. Bjarne Riis, der vorne als Platzhalter
mitgefahren war, war so perplex als Ullrich so schnell wieder neben ihm
auftauchte, daß er spontan zurückfiel. Ullrich setzte seine
Fahrt fort und führte schnelle eine Gruppe an, in der sich zunächst
Jalabert, Boogerd, Julich und Pantani aufhielten. Jan Ullrich war nun wie
abgeschnitten von seinem Team, drehte sich ständig nach Helfern um,
die aber weit abgeschlagen herumkrebsten. Dann kam der erwartete Angrif
von Marco Pantani, 9 Kilometer vor dem Ziel. Ullrich versuchte zu kontern,
mußte aber in seiner langen Aufholjagd wahrscheinlich zu viel Kraft
verbrauchen, als daß er noch hätte mithalten können. Pantani
stieg und stieg, holte Roland Meier ein, der sich nicht aufgab, aber Pantani
war einfach zu stark und gewann diese Etappe überlegen. Eine Minute
22 Sekunden später kam Meier immerhin noch als Zweiter ins Ziel, er,
der so lange alleine gekämpft hatte. Dann mußte Jan Ullrich
wenige Meter vor dem Ziel noch die mit ihm fahrenden Boogerd und Julich
ziehen lassen und verlor 7 Sekunden auf Julich, der weiterhin an zweiter
Stelle im Gesamtclassement liegt. Pantani gewann 1:40 Minuten auf Ullrich
und liegt jetzt 3:01 hinter Ullrich auf Platz vier, der das Gesamtclassement
weiterhin anführt. Laurent Jalabert rückte, nachdem er zunächst
zurückgefallen war und sich dann wieder an die Gruppe um Ullrich herankämpfte,
auf Platz drei der Gesamtwertung mit einem Rückstand von 3:01 Minuten
vor. Michael Boogerd liegt auf Platz fünf mit 3:29 Minuten Rückstand
auf Jan Ullrich. Der darf übermorgen wieder in Gelb starten, den Ruhetag
kann er offensichtlich gut gebrauchen, er sei müde, hieß es
nach der Etappe, er könne keine Interviews geben. Zabel bleibt in
Grün, Rodolfo Massi verteidigt sein Bergtrikot ebenfalls erfolgreich.
21.07.1998 Pau - Luchon
Harhar, es
geht richtig los!! Schaut Euch das tolle Etappenprofil an! Und diese klangvollen
Namen: Col d'Aubisque, Col du Tourmalet, Col d'Aspirin, Col Laboration...
Ja, heute beginnt die richtige Tour!
20.07.1998 Montauban - Pau
Bruzzel bruzzel,
37 Grad Hitze bei dieser Etappe - da macht es als Zuschauer gleich doppelt
Spaß, mit einem kühlen Bier im klimatisierten Wohnzimmer zu
sitzen und den Radlern bei der Schufterei zuzuschauen. Die boten aber zunächst
eine eher flache Vorstellung - war aber die letzte Flachetappe vor den
Bergetappen. Nach 70 Kilometern schließlich konnte sich eine Gruppe
von acht Fahrern mit Voigt, Van Bon, Casagrande, Agnolutto, Knaven, Sivakov,
Benitez und Lelli vom Feld lösen und alle folgenden Sprint- und Bergwertungen
unter sich aufteilen. Dabei gelang es dem Deutschen Jens Voigt, in das
gepunktete Bergtrikot hineinzufahren - er blieb aber unverletzt. Ganz im
Gegensatz zu Mario Cipollini, der wegen Magenproblemen aufgeben mußte;
ja wer hätte denn mit sowas gerechnet. Er hatte wohl etwas Unrechtes
gegessen - oder getrunken - oder sonstwie eingenommen... 19 Kilometer vor
dem Ziel jedenfalls - die Ausreißer hatten 4 Minuten Vorsprung -
lösten sich Voigt, Van Bon und Lelli. Doch Agnolutto schaffte den
Anschluß an die drei Führenden, und unter der wiederholt grandiosen
Führung von Team Telekotz gelang es dem weit abgeschlagenen Peloton,
den Rückstand auf winzlige 12 Sekunden zu reduzieren. Auf der Ziellinie
behielt Van Bon seinen Reifen vorne, vor Jens Voigt, Lelli und Agnolutto.
Den Spurt des Feldes gewann souverän Erik Zabel, der fünfter
wurde und damit sein grünes Trikot verteidigte. Im Gesamtclassement
tat sich nicht allzuviel, der Abstand unseres Helden Jan Ullrich auf Desbien
ist mit 3:21 Minuten exakt gleich geblieben, das könnte sich morgen
wieder ändern... Nauf in die Berg!
19.07.1998 Brive-la-Gaillarde - Montauban
Jammer, jammer,
Gelb ist futsch!! Dabei stand das dem Jan doch so gut... Die während
der WM eingemotteten deutschen Fahnen sind genug gelüftet worden und
können wieder eingeholt werden. Nunja, die Tour ist noch lang, und
eine verlorene Schlacht entscheidet noch keinen Krieg. Die Etappe war denn
auch geprägt von Angriffen kleiner Gruppen, Reaktionen des Hauptfeldes,
wieder kurzen Ausbrüchen und so weiter. Bis es schließlich einer
siebenköpfigen Gruppe gelang, sich vom Peloton zu lösen. Zunächst
waren vier Fahrer vor dem zweiten Sprint auf und davongefahren. Jacky Durand,
Laurent Desbien, Frederic Guesdon und Joona Laukka. Diese Gruppe wurde
bald um Fabio Sacchi, Eddy Mazzoleni und Philipp Gaumont erweitert. Frederic
Guesdon fiel kurze Zeit später jedoch zurück - was die Kamera
nicht zeigte: er hatte Durchfall, merkte dies aber erst, als er unterwegs
seine Fahrradklammern abgemacht hat. Vorher war er schon durch pendelnde,
unruhige Fahrbewegung aufgefallen. Zu sechst setzten die Fahrer ihren Ausbruch
kontinuierlich fort. Auch hierbei hinterließ die französische
Polizei wieder einmal keinen guten Eindruck, denn anstatt die Ausreißer
wieder einzufangen, wie es ihre Aufgabe wäre, beschränkten sich
die Beamten auf Fähnchenwinken und kehrten ansonsten den Fahrern unbeteiligt
den Rücken zu. Einzig Andrea Tafi wollte sich anbetracht dieser Sicherheitslücken
einen Orden verdienen und schaffte es, aus einer 15köpfigen Verfolgergruppe,
die sich kurzfristig gebildet hatte, auszuscheren und die Führenden
zu stellen. Sieben Fahrer vorne und das Hauptfeld unternahm recht wenig,
um den Anschluß wiederherzustellen. Einzig das wackere Team Telekotz
rackerte an der Spitze herum wie es die deutschen Tugenden verlangen; es
galt das Gelbe Trikot von Ullrich zu verteidigen. Für alle Fälle
hatte sich Jan Ullrich aber gestern schon ein Exemplar bei Staatschef Jaques
Chirac zurückgelegt. Zurück zum Renngeschehen: der auf 8 Minuten
angewachsene Vorsprung deutete daraufhin, daß es hier nurmehr darum
gehen konnte, Schadensbegrenzung zu betreiben. Zumindest dieses Ziel hat
das Team Telekotz heute einigermaßen erreichen können. 3:21
Minuten Rückstand für Ullrich, das ist zu diesem Zeitpunkt der
Tour ein erträglicher Zeitabstand denn die großen Bergetappen
kommen ja erst noch. Im Schlußsprint setzte sich der Franzose Jacky
Durand durch, der ebenfalls Durchfall hatte, sich aber keine Fahrradklammern
leisten kann und deshalb etwas verkniffen, aber hochmotiviert spurtete.
Damit liegt er jetzt an Platz drei des Gesamtclassements. Und so stand
ein überglücklicher Durand neben einem nicht weniger glücklichen
Desbien. Der hatte heute mit der Hilfe seines Teamkameraden Gaumont das
Gelbe Trikot Jan Ullrich wegschnappen können. Ein Tag der Franzmänner.
Aus deutscher Sicht ein vielleicht doch erfolgreicher Tag: Zabel bleibt
in Grün nachdem er im Peloton als erster über die Ziellinie gegangen
war und so noch zusätzlich Punkte für sein Grünes Trikot
sammeln konnte; er trägt nun das Grün-gepunktete Trikot. Jan
Ullrich ist gemäß seiner Taktik nicht mehr der Gejagte und kann
es etwas ruhiger angehen lassen und muß seinen Bart nicht mehr dem
gefährlichen Gegenwind aussetzen. Stefano Zanini, der seit gestern
das gepunktete Trikot trägt, war heute bei einer der sechs Bergwertungen
vorne und hat so sein Bergtrikot verteidigt. Nach dem Rennen wurde noch
eine olle Kamelle zum Namen des neuen Mann in Gelb herausgekramt: Laurent
Desbien und sein Teamkamerad Gaumont sind vor zwei Jahren des Dopings überführt
und dafür sechs Monate gesperrt worden. Angesichts des Erfolgs von
Desbien wird nun offenbar überlegt, ob man auch Abführmittel
und Fahrradklammern auf die Dopingliste setzen soll.
18.07.1998 Correze - Meyrignac l'Eglise
Passiert! Sagenhaft
meine hellseherischen Fähigkeiten! Hatte ich gestern den Sturz von
Festina vorausgeahnt, ist es heute Wirklichkeit! Der Mannschaftschef Roussel
hatte den bösen Betupp gestanden, die gesamte Mannschaft um den Vorjahres-Zweiten
Richard Virenque wurde daraufhin von Tourleiter Leblanc von der Tour ausgeschlossen.
Wer hätte denn gedacht, daß die 800 gefundenen Ampullen mit
dem vermaledeiten EPO-Säftchen tatsächlich für die Fahrer
bestimmt waren!? Warum auch. Wo unser Jan Ullrich doch sowieso gewinnt,
hätte man das Zeug viel besser verkaufen sollen, an die viel schwächeren
Teams! Wie auch immer, man hielt es mit der alten Weisheit "im Zweifel
für den Angeklagten" und gab ihnen die Rückfahrkarte für
lau! Hab' ich ein Glück wo ich mir doch gerade eine neue Uhr kaufen
will - ratet mal welche hübsche Marke gerade verramscht wird... Vielleicht
bringen die ja mal ein Modell auf den Markt, das den Träger durch
einen eingebauten Dosierungsmechanismus zu Höchstleistungen aufputscht;
das wär' doch mal ein nettes Gimmick. Sportlich tat sich aber auch
noch was an diesem Sonntag: Zeitfahren stand auf dem Programm, also eine
Disziplin, in der unser Held Jan Ullrich ganz vorne mitmischen kann. Doch
zunächst legte der Amerikaner Tyler Hamilton bei strahlendem Wetter
- die bösen Buben waren ja aussortiert - eine überraschend gute
Zeit vor, an der sich alle Folgenden zunächst die Pedale wundtraten.
Doch dann kam Jan auf seinem neuen Hightech-Flitzer. Mit einer furiosen
Darbietung unterbot er bereits an der ersten Zeitnahme alle vor ihm gestarteten
Möchtegern-Profis. So erreichte er mit weitem Vorsprung das Ziel vor
Tylor Hamilton und Bobby Julich. Damit war es dann soweit: das Gelbe Trikot
wird wieder von deutscher Haut vollgeschwitzt, Grün bleibt bei Erik
Zabel und das Bergtrikot wandert an Stefano Zanini, der davon provitierte,
daß der bisher führende Pascal Herve als Festina-Doper ausgeschieden
wurde. Doping hin, Doping her; Deutschland ist wieder eine Größe
im Radsport und hat in den vergangenen Etappen bewiesen, daß unsere
stahlharten Jungs selbst die hochgezüchteten rollenden Amphetamin-Bomber
schlagen können!
17.07.1998 La Chatre - Brive-la-Gaillarde
Ist es denn
zu fassen?? Mario Cipollini, weltbekannter Tour-Abbrecher, gewinnt seine
zweite Etappe! In einem spannenden Finish lieferte er sich ein packendes
Duell mit unserem Helden Erik Zabel, der aber kurz vor der Ziellinie noch
von Minali, Svorada und Moncassin überholt und nur fünfter wurde
- als Dank für die wertvolle Führungsarbeit. Als Grund für
das Versagen auf der Zielgeraden gestand Teamchef Walter Goodefroot nach
massivem Druck eine verfehlte Boxenstrategie sowie zu enge Tankfenster.
Was Zabel bleibt ist das Grüne Trikot, denn er hatte beim ersten Sprint
den zweiten Platz belegt. Während des Rennens gab es einige Ausreißversuche,
vor allem Jan Ullrich wollte unbedingt ein pieksendes Barthaar loswerden,
vertrödelte dabei aber derart viel Zeit als er vergeblich eine Steckdose
für seinen Rasierer suchte und dann die Käbelchen an den Dynamo
anschließen wollte, daß er am Ende nur mit dem Hauptfeld ins
Ziel kam. Währenddessen machten sich unbemerkt Cedric Vasseur, Jose
Rodriguez und Maximilian Sciandri von dannen um die folgenden Bergwertungen
einzusacken. Mit zwischenzeitlich sechs Minuten Vorsprung fuhren die drei
dem Ziel entgegen, mußten sich aber 8 Kilometer vorher dem heranpreschenden
Hauptfeld geschlagen geben, denn Jan Ullrich hatte man unterdessen eine
Pinzette reichen können wodurch er viel windschlüpfriger wurde
und das Feld in seinem Sog heranflog. Zu einem Sturz kam es bei dieser
Etappe bemerkenswerterweise nicht, dafür könnte sich der Doping-Skandal
um Festina zu einem solchen entwickeln.
16.07.1998 Cholet - Chateauroux
Es mußte
ja so kommen! Unser überlegener Sprint-Star Erik Zabel fuhr dank seiner
tollen Kondition souverän ins Grüne Trikot, auch wenn ihm zwei
Damen dabei helfen mußten. Vorher hatte er auf dieser flachen Etappe
bei zwei Sprintwertungen jeweils den dritten Platz erradelt. Kurz vor dem
zweiten Sprint wieder ein Sturz, in den auch das Gelbe Trikot mit Stuart
O'Grady drin verwickelt war, der aber wieder Anschluß an das Feld
finden konnte. Es folgte ein unnützer Ausreißversuch dreier
Fahrer, die 12 Kilometer vor dem Ziel wieder eingeholt werden konnten.
So kam es zu einem Massenspurt, dem auch gleich einige Meter vor dem Ziel
zwei Fahrer zum Opfer fielen und fielen. Mario Cipollini hatte schließlich
den größeren Massel und gewann hauchdünn vor Erik Zabel
und Christophe Mengin. Unterdessen wurde Bruno Roussel, der Festina-Chef,
wegen der Dopingpanscherei vorläufig seines Postens enthoben. Da darf
man gespannt sein, wie es weitergeht!
15.07.1998 Plouay - Cholet
Das war's dann
mit dem Traum in Gelb: Bo Hamburger darf sein tolles Leibchen wieder abgeben,
in das nun Stuart O'Grady geschlüpft ist. Diese Etappe war mit 252
Kilometern die längste der diesjährigen Tour und wurde deshalb
von einem Holländer gewonnen: Jeroen Blijlevens fuhr als erster über
die Ziellinie vor Minali, Svorada, Moncassin und Tschmil. Erik Zabel wurde
zeitgleich sechster. Dabei hatte es zwei Kilometer vor dem Ziel noch gut
ausgeschaut - optisch. In einer fiesen Linkskurve hatte es wieder kräftig
gescheppert, und prompt lagen sie wieder alle faul auf dem Boden, sogar
der spätere Etappensieger. Aber anstatt winselnd dem Feld hinterherzudümpeln,
schaffte er in einer furiosen Aufholjagd den Anschluß und konnte
dann knapp gewinnen. Unterdessen geht es Chris Boardman, der bei der ersten
Etappe unrühmlich an einer Mauer liegen blieb, wieder prächtig.
Anstatt sich für seine Millionen weiter abrackern zu müssen sitzt
er nun bequem bei einem Bier im Garten und amüsiert sich. Spannend
blieb es auch nach der Etappe: Festina-Teamchef Bruno Roussel wurde kurzerhand
abgeführt und mußte zu dem Dopingfund Stellung nehmen. Jede
Wette, daß er auf unschuldig plädiert. Lustig daran ist, daß
ein Fahrer von Festina im April in A- und B-Probe positiv getestet wurde,
aber trotzdem an der Tour teilnehmen darf, weil "das Verfahren noch schwebt".
Da scheint bei einigen Verantwortlichen auch was zu schweben... Passend
dazu die Aussage eines schweizer Sportarztes: "Ohne Doping kann keiner
mehr die Tour gewinnen". Da hoffen wir doch, daß sich unser Held
Jan Ullrich ordentlich was eingeworfen hat sonst sieht das nämlich
düster aus mit dem zweiten Tourgewinn!
14.07.1998 Roscoff - Lorient
Ein Start mit
Verspätung, das hat man gerne, vor allem wenn man werktätig ist.
Wie dem auch sei, schließlich ging's doch los. Im geschlossenen Pulk
erreichte das Feld die erste Sprintwertung, bei der sich eine Neunergruppe,
angeführt vom Dänen Bo Hamburger, absetzte. Ist Bo nicht ein
Frauenname? Egal, flux hatte die Gruppe 6 Minuten Vorsprung denn die Verfolger
ließen sich gewaltig Zeit; wer schon Hamburger heißt wird wohl
am Todestag eines gewissen Mister McDonalds nicht so toll in Form sein!
Aber Puste, Hamburger und seine 8 Mitstreiter retteten den Vorsprung bis
ins Ziel, unter Ihnen Jens Heppner, der sich während des gesamten
Unternehmens schlauerweise geschont und nicht geführt hatte. So war
er denn beim Endspurt derjenige, der mit einer Radllänge Vorsprung
vor Jan über die Kalklinie rollte. Bo Hamburger trägt nun das
von Zabel schön vollgeschwitzte Cheese-Trikot und hält es weiter
für Jan Ullrich warm.
13.07.1998 Enniscorthy - Cork
Heieiei!! Das
war ja Action pur!! Da denkt man, jooo, Irland... flache Strecke, breite
Straßen, schönes Wetter, 200 km - mein Gott wird das langweilig!
Und dann? Dann prazelt es gleich dreimal das halbe Feld auf den harten
irischen Asphalt, und es gibt plötzlich eine ganze Menge zu berichten.
Chris Boardman - der Umkipper und the man in yellow - muß ins Krankenhaus,
gibt das Gelbe Trikot unfreiwillig an Erik Zabel ab. Viele andere Favoriten
sind angeschrammt. Und immer wieder Szenen, wo begeisterte Radsportfans
jubelnd am Streckenrand stehen und dabei ihr Kleinkind vergessen, das sie
in letzter Sekunde noch aus dem vorbeirauschenden Peloton reißen
können - der ultimative Kick. Und wie so das Feld im Eindruck des
Sturzes von Boardman dahindümpelt, reißen bei km 30 vor dem
Ziel Eddie Seigneur und Francoire Simon vom Team Gan aus. Doch Team Telekotz
fährt das Feld langsam (wie man das von der P*st kennt) weiter auf
Distanz, so daß flux 1,5 Minuten Abstand aufgebaut sind. Erst als
sie die anderen Teams am Abstandvergrößern beteiligen, mißlingt
dies und das Feld wird wieder an die beiden Ausreißer herangeführt.
Als dann Regen und Gegenwind einsetzen, das Ziel näherrückt und
das Peloton heranfliegt, steigt die Spannung wieder. 20 km vor dem Ziel
ereignet sich dann jene sagenhafte Metamorphose, bei dem sich das Hauptfeld
die Ausreißer wieder einverleibt. Als gerade der schlaue Kommentator
die tolle Organisation der Streckenwärter lobt *schrumms* fällt
erneut das halbe Feld hin und aus. Überall liegen Fahrer, kaputte
Räder, Blech - jedem Ersatzteillieferanten geht das Herz auf. Olano
diesmal dabei, Jalabert und Virenque, einige vom Team Seiko. Aber weiter
geht's. Kurz vor dem Ziel ist das Feld dicht beieinander, jagt durch die
Zielstadt Cork. Enge Kurven, schmale Straßen, und Team Telekotz voraus.
Andere Teams übernehmen die Führung, aber Telekotz hält
Fühlung und lauert listig wie es die geheime Taktik verlangt. DVM
vorne, Zabel neunter, der letzte Kilometer. Telekotz lauert immer noch
und Jan Svorada (Mapei), einmal schon gestürzt, gewinnt mit einer
Radlänge vor Robby Mc Ewen und Mario Cipollini. Durch 12 Sekunden
Bonifikation (nein, das ist kein Eisheiliger) ist nun Erik Zabel mit 7
Sekunden Vorsprung vor Steels und Moncassin im Gelben Trikot. Olano hat
8 Sekunden Rückstand, Jalabert, Julich, Moreaus und Ullrich 9, Svorada
10 und Mc Ewen 11.
12.07.1998 Dublin - Dublin
Auf geht's,
der Müßiggang ist vorbei. Irland ist ein schönes Land,
aber bei den derzeitigen Unruhen rund um den Oranier-Aufmarsch (sollen
die doch woanders oranieren) ist es sicher ratsamer, einen großen
Radkranz aufzulegen und schnell davonzuradeln (toll, da haben die vor 350
Jahren mal eine Schlacht gewonnen, und feiern sich jetzt einen da drauf!
Das ist ja gerade so, als würden wir die Kapitulation Frankreichs
im Zweiten Weltkrieg jedes Jahr mit einem feierlichen Umzug begehen). 180,5
km warten auf die Fahrer, die dafür rund 4,5 Stunden brauchen werden.
Und tatsächlich - als hätte ich den Text erst nach dem Rennen
geschrieben (was auch so ist) - nach exakt 4:29,58 Stunden radelt sich
der belgische Meister Tom Steels eine handbreit vor unserem grandiosen
Sprint-As Erik Zabel über die Ziellinie, und ich lag nur 2 Sekunden
mit meinem Tip daneben! Nicht zu Unrecht nennt man mich den Sport-King.
Damit bleibt Chris Boardman im mückenanziehenden Gelben Trikot, was
in dem feuchten irischen Wetter durchaus eine Benachteiligung sein kann.
Jan Ullrich, der mit dem Hauptfeld als 62. zeitgleich mit dem 1. ins Ziel
kam, ist "in einer Kurve leicht gerutscht" - was für eine Wichtigtuerei!!
Wer das zeitgleiche Formel-1 Rennen gesehen hat der weiß, was echtes
Rutschen bedeutet. Hat er wohl sein Müsli nicht ganz gegessen! Oh
Pardon, ich vergaß - das gehört bestimmt zur neue Taktik! Dem
Gegner suggerieren, daß es ein Reifenproblem gibt, und dann bei den
letzten Etappen zum furiosen Endsieg auffahren - was ein Cleverle...
11.07.1998 Prologue
Endlich geht
es los. Konnten wir die letzten drei Wochen schon gemütlich bei der
Fußball WM vor der Flimmerkiste hocken und hatten endlich mal wieder
ein Alibi für einen gepflegten Vollrausch, haben wir nun für
weiter drei Wochen die Exklusivrechte am wohnzimmerlichen Fernseher (und
am Kühlschrank). Ich habe mir gleich heute ein Prospekt von diesen
feinen Festina-Uhren bestellt. Nach dem bösen Doping-Fund bei einem
Festina-Betreuer dürften die Preise vermutlich demnächst ein
wenig fallen. Doch kommen wir zum ersten Renntag, der eigentlich ja gar
keiner ist. Prolog nennt sich das; was aber seltsamerweise nichts mit Künstlicher
Intelligenz zu tun hat sondern eher mit stupidem Kriegst-mich-nicht-Hinterherfahren. Egal, Ziel dieser Aktion ist, alle Fahrer für
jeweils rund 6-7 Minuten durch die Straßen von Dublin zu scheuchen,
was doch stark an das Stiertreiben in Pamplona erinnert. Und wie immer
bei diesen Spielen: der schnellste gewinnt - ach wie einfallslos... Nunja,
gewonnen hat der Tommy Chris Boardman, der daraufhin auch direkt von zwei
irischen Schönheiten das Gelbe Trikot übergerupft bekam und sich
freuen durfte. Unser deutscher Held Jan Ullrich hat für diese Tour
eine ganz gewiefte Taktik ausgeklügelt: wenn er nicht gewinnt, wird
er auch nicht von allen gejagt. Folglich ist er nur sechster geworden -
mit fünf Sekunden Rückstand, wie raffiniert! Bjarne Riis darf
mit einer neuen futuristischen Fahrradcreation, dem "Prototyp für
das Jahr 2000", die Tour bestreiten. Hoffentlich landet das nicht wie bei
der letzten Tour im Straßengraben weil es den 2000er-Bug enthält
und in Wirklichkeit aus dem Jahr 1900 stammt... Nunja, Tag eins ist um
und alle dürfen in die Heia, denn morgen geht es erst richtig los!!
Hoffen wir auf eine spannende Tour mit vielen lustigen Zwischenfällen.